Das Refugium
Draußen kräht der Hahn. Ich öffne meine Augen. Durch die Lücken in den Vorhängen scheint das fahle Licht der Morgendämmerung. Ich bleibe noch einem Moment liegen und schalte dann das Licht ein. Mein Blick schweift durch das schlichte, aber gemütliche und geräumige Apartment, das in den vergangenen vier Wochen meine kleine Welt war. Das leise Brummen der großzügig dimensionierten Lüftungsanlage nehme ich längst nicht mehr wahr, aber die großen Gitter in Wand und Decke sind unübersehbar.
Heute werde ich das Zimmer wieder verlassen. Ich hätte jederzeit gehen dürfen. Die Eichenholztür auf der linken Seite des Raumes war nie verschlossen, aber ein großes Schild ist daran angebracht: “Bitte öffnen Sie diese Tür nur im Notfall”. Neben der Tür ist eine kleine Ampel montiert, die seit meiner Ankunft auf Gelb steht. Um die Tür läuft eine Gummidichtung.
Die Tür auf der rechten Seite besteht aus gebürstetem Stahl und ist ebenfalls mit Ampel und Gummidichtung versehen. Diese Ampel stand seit meiner Ankunft auf Rot. Jetzt ist sie grün. Die E-Paper-Anzeige über der Tür zeigt eine große “0” und darunter den Text: “Willkommen im Refugium. Du darfst ab sofort jederzeit durch die Tür treten.” Bisher wurde jeden Tag von der 28 herunter gezählt. Jeden Tag stand ein anderer, freundlicher Text unter der Zahl.
Ich dusche, ziehe mich an und hole dann das Tablett mit dem Frühstück aus der Essensschleuse. Es ist wie gewohnt eine liebevoll zubereitete Mahlzeit aus lokaler Landwirtschaft. Dank der beheizten Gewächshäuser gibt es sogar frische Südfrüchte.
Während ich esse, blicke ich gedankenverloren durch das große Fenster nach draußen. In einiger Entfernung ist mein Ziel zu erkennen. Es ist ein idyllisches Dorf in einer ländlichen Umgebung. Die meisten Gebäude sind liebevoll restaurierte Altbauten: kleine Wohnhäuser und Höfe. Drumherum stehen auch einige moderne Gebäude, bei denen Holz als Werkstoff dominiert. Im landwirtschaftlich genutzten Umland ergänzen Gewächshäuser, Agri-PV Anlagen und mehrere Windräder das Bild eines modernen, autarken Ortes.
Ein gutes Stück weit dahinter endet die Welt. Zumindest vermittelt die Abbruchkante des ehemaligen Braunkohletagebaus diesen Eindruck. Es ist eine gewaltige Leere, die sich über der tiefen Narbe in der Erde erstreckt. Ich befinde mich auf einer großen “Landzunge”, die in den Tagebau hineinreicht. Es sind mehrere Quadratkilometer Land, die an drei Seiten durch einen Steilen Abhang und an der vierten durch mehrere aufwendige Barrieren, Gräben, Zäune und Mauern von der Außenwelt abgetrennt ist. Die Überwachung der Grenze ist streng.
Bei meinem ersten Besuch ging mit der Satz “Man kann nicht einfach in das Refugium spazieren.” durch den Kopf. Wie treffend für eine Region, die damals von Umweltaktivisten “Mordor” getauft wurde. Seit den damaligen Massenprotesten und Ortsbesetzungen hat sich jedoch viel getan. Das Land mit dem ehemals geräumten Dorf gehört nun einer Genossenschaft und wurde mithilfe vieler Freiwilligen wieder aufgebaut.
Nein, es ist wirklich nicht einfach, hier Zutritt zu erlangen. Hinter mir liegt ein gutes Jahr an Vorbereitungen. Beratungsgespräche, Formulare, Impfungen und viele medizinische Untersuchungen waren notwendig, um überhaupt das Empfangsgelände betreten zu dürfen, welches nur über eine mehrere Kilometer lange Stichstraße mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h erreichbar ist. Es gibt dort hinter einer Schranke einen Parkplatz für Angestellte, aber Besucher werden entweder mit einem kleinen elektrischen Shuttlebus vom nächstgelegenen Bahnhof abgeholt oder reisen mit dem eigenen Rad an. Im Refugium selbst werden lediglich Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor genutzt, darunter Fahrräder und elektrisch betriebene Arbeitsmaschinen.
Selbst mit dem augenzwinkernd “Passierschein A38” genannten Zettel kommt man erst einmal nur bis in den Empfangbereich. Hier gibt es zwei verschiedene Wege, die man einschlagen kann. Wer der marineblauen Linie au dem Boden folgt, kann spezielle Besuchskabinen betreten, jede davon in der Mitte durch eine große Glasscheibe von den Bewohnern abgetrennt. Ich war in den vergangenen Monaten mehrfach dort, aber es reichte einfach nicht mehr aus. Daher bin ich vor vier Wochen der ockerfarbenen Linie gefolgt, die zum “großen Tor” führt.
Das “große Tor” ist genau genommen gar kein Tor, sondern ein alter Bauernhof. Dort wurden zahlreiche Apartments eingerichtet, von denen ich zurzeit eines bewohne. Sie bilden die Pufferzone zwischen der weiten Welt und dem Refugium.
Der Weg hinaus ist im Grunde genommen sehr einfach. Es gibt einen überdachten Weg mit mehreren Türen, die nur in eine Richtung zu öffnen sind. Die letzte Tür führt zurück in das Empfangszentrum. Sollte man es sich vor der letzten Tür doch noch anders überlegen, gibt es Sprechanlagen, über die man mit dem freundlichen Personal in Kontakt treten kann. In aller Regel kann man so direkt wieder umkehren.
Der Weg hinein führt jedoch zwangsläufig über ein medizinisches Labor, die Apartments und eine vierwöchige Quarantäne. So soll sichergestellt werden, dass Niemand versehentlich eine ansteckende Krankheit in das Refugium einschleppt.
Ich stehe vom Frühstückstisch auf, räume das schmutzige Geschirr in die zweite Essensschleuse und packe meinen kleinen Koffer mit meinen Habseligkeiten für die Quarantäne zusammen. Alles Andere wurde beim Checkin penibel desinfiziert und eingelagert. Ich werde sie in wenigen Minuten wieder auf der anderen Seite in Empfang nehmen.
Ich gehe mit dem Koffer in der Hand zur Stahltür, fasse die Klinke an, halte einen Moment lang inne und atme tief durch. Ich drücke die Klinke herunter. Ein leises Zischen deutet an, dass die hermetische Versiegelung nun nicht mehr besteht. Frische Luft riecht unvergleichlich. Ab hier benötigt niemand mehr eine FFP2 Maske. Ich öffne die Tür und trete hinaus in die neue Freiheit.
Bevor ich mich umsehen kann, höre ich links von mir ein Räuspern. Es klingt vertraut.