Herman Melville – Bartleby, der Schreiber (Hörbuch in mehreren Versionen)
from Der Hörold
„I would prefer not to.“, lautet der Satz, mit dem Herman Melville 1853 die wohlklingende Formel für passiven Widerstand geschaffen hat. Neben 'Moby Dick' ist sein Kurzgeschichte 'Bartleby, der Schreiber' eines der Werke, das es zur Weltliteratur brachte. Immer noch beschäftigt es die Menschen. So auch mit immer neuen Übersetzungen – wie im List Verlag (1997) – und Interpretationen als Hörbuch. Drei davon stelle ich hier vor: Vom Saarländischen Rundfunk (1975, beim DAV wiederveröffentlicht), vom Argon Verlag (2007) und vom WDR 5 (2024).

Als ich mich zu Pfingsten entschloss, endlich mal 'Bartleby' zu hören, war mir nicht klar, wie verschieden dieser Text interpretiert würde. Dabei geht es nicht einmal nur darum, was aus ihm als Botschaft gezogen werden könnte, sondern auch wie die Übersetzungen die Interpretationen beeinflussen.
Die Interpretation durch die drei unterschiedlichen Sprecher Walter Hilsbecher (1975), Lambert Hamel (2007) und Benno Schulz (2024) sind dagegen nicht sonderlich überraschend von einander abweichend. Alle drei machen ihre Sache gut, als etwas älterer Ich-Erzähler darüber zu berichten, was mit Bartleby für ein seltsamer Mitarbeiter eines Tages in seine Anwaltskanzlei „eingezogen“ ist.
Das mit „eingezogen“ ist dabei später tatsächlich wortwörtlich zu verstehen. Denn nachdem Bartleby zu Beginn seine Arbeit als so genannter Kopist äußerst fleißig beginnt, lehnt er zusehends alles andere mit einem freundlichen Hinweis ab: „Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.“
Erst möchte er nicht bei der Kontrolle anderer Schriftstücke helfen, dann keine Besorgungen machen und schließlich auch nicht mehr als Kopist arbeiten. Trotzdem möchte er aber auch nicht mehr das Büro verlassen. Doch was könnte das bedeuten und wo enden, wenn es jemand immer vorzieht, etwas lieber nicht zu tun?
Wie kann das übersetzt werden?
Es ist vor allem diese seine Ausdrucksweise, die Bartleby schwer fassbar macht. In einigen Übersetzungen heißt der Satz nämlich schlicht: „Ich möchte lieber nicht.“
Das trifft es aus meiner Sicht nicht so gut. An anderer Stelle funktioniert es aber bestens. Was mir bei der Übersetzung beim WDR als Wort zum Beispiel sehr gefallen hat, ist die Schimpftirade eines Kollegen, in der er Bartleby als einen „Möchtenicht“ bezeichnet. Die letzten Worte des Ich-Erzählers deuten an, dass es in der Schilderung Melvilles um mehr geht als um die irrwitzige Entwicklung eines Einzelschicksals: „Ah Bartleby! Ah humanity!“
Meistens wird es wohl mit „Ach Bartleby! Ach Menschheit!“ übersetzt. Aber auch hier setzt der WDR mit „Oh Bartleby! Oh Menschentum!“ einen anderen Akzent.
Demnach ginge es nicht um die Bevölkerung dieses Planeten, sondern eher um das, was das Sein des Menschen auszeichnet. Umso bedauerlicher ist es, dass nicht direkt angegeben wird, wer den Text für diese Interpretation übersetzt hat. Erst diese Übersetzung ermöglicht mir einen anderen Zugang zu der Geschichte. Etwas, was künstliche Intelligenz vermutlich so nicht hinbekommen kann.
Offizielle Seite: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/lies-mir-was-vor/bartleby-der-schreiber-100.html
Podcast zum Widerstand …äh... Wohlstand für alle
Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen haben sich auch in ihrem Podcast 'Wohlstand für alle' bereits im April 2021 mit 'Bartleby' beschäftigt. Wie üblich geht es ihnen um den Blick auf die ökonomischen Zusammenhänge.
Ole findet vor allem einen zweiten – neben dem ganz oben in der Einleitung verwendeten – Satz besonders bemerkenswert, den der Ich-Erzähler sagt: „Nichts erbittert einen ernsthaften Menschen so sehr wie passiver Widerstand.“ (Im Original: „Nothing so aggravates an earnest person as a passive resistance.“)
Zum Podcast: https://www.podcast.de/episode/698964574/literatur-4-herman-melville-bartleby-der-schreiber
Viele sehen daher in der Erzählung vor allem ein Beispiel dafür, wie Widerstand bis in die letzte Konsequenz durchgezogen werden könnte – vor allem dagegen, wie im Kapitalismus die Menschen als Humankapital versachlicht werden. Der Audio Verlag (DAV) nennt das Ganze dagegen auf der Hörspiel-Box eine „Erzählung, die Melvilles Ruf als Vertreter der amerikanischen Schauerromantik alle Ehre macht.“
Am Ende müssen alle eben doch selbst interpretieren, was ihnen dieses Werk an Erkenntnis bringt.



